Samstag, 31. Oktober 2009

TANJA

Aus MSKPT n° 1 DER FALL MS. EL CASTILLO. ISNB 3-86516-375-0
Aus der Reihe: Ein Haufen von Vollidioten ist am Werk.

Wie aus einer langen Ekstase erwacht ließen wir widerwillig voneinander ab, als jemand wieder an die Tür klopfte, auf dass Tanja, ohne sich was anzuziehen, aufstand und sie öffnete, gerade eben einen kleinen Spalt.
Ihre Freundin stand wieder davor, kichernd sagte sie etwas auf Russisch zu ihr, daraufhin machte sie die Tür ganz auf, und beide kamen ins Zimmer.
Scheiße, mir stockte fast der Atem, denn das war für einen älteren Seemann oder gerade deswegen wirklich des Gutes zu viel.
Verdammt noch mal, ich hatte in meinem Leben einige sehr schöne Frauen gesehen und geliebt, es lag aber schon in weiter Ferne, sie waren fast alle im Nebel meines Gedächtnisses verschwunden, ich konnte mich nur noch vage daran erinnern, so lange war das schon her.
Diese beiden Himmelsgestalten aber übertrafen alles, an was ich mich erinnern konnte, sie waren einfach schön, sie wussten es und sie schämten sich nicht, ihre Schönheit zu zeigen.
Ihre Freundin, nackt, wie sie neben dem Bett stand, nahm einige Zigaretten aus der Packung, die auf dem Nachttisch lag und sie wünschte mir dabei artig und brav auf Englisch einen wunderschönen guten Morgen, sie küsste noch kichernd ihre Freundin flüchtig auf die Wange und ging von dannen.
Und ich?
Ich alter Sack lag immer noch da, ich wurde so dermaßen von ihrer unerwarteten Erscheinung überrascht, dass ich sogar vergaß, mich zu bedecken, völlig verblüfft lag ich da mit meinem Talent in Halbsiebenstellung und konnte mich wie gelähmt und hypnotisiert zugleich nicht rühren.
»Es ist schön mit dir, du alter Bär«, sagte sie, als sie wieder neben mir im Bett lag. Sie hatte sich fest an mich gekuschelt und ihren Kopf auf meine Brust gelegt. Wir lagen da wie hungrige Löwen nach einer Fressorgie, ruhig, abgekämpft und gesättigt, und doch fieberten wir schon unserem nächsten Liebesrausch, unserer nächsten Fressorgie entgegen.
»Dienstagmorgen fliege ich aber nach Hause, warum bist du bloß nicht früher gekommen, Franco? Wir hätten so eine wunderschöne Zeit zusammen haben können«, sagte sie traurig.
Tanja hatte in der Tat Recht, warum bloß nicht, warum war ich die ganze Zeit allein an Bord geblieben?
Warum war ich nur zusammen mit Bernt bei Stella am Tresen geblieben, hatte mich dort voll mit Bier gepumpt und mir über ein Schiffswrack Gedanken gemacht, oder mich auf Sachen eingelassen, von denen ich nicht viel wusste und die sehr gefährlich waren?
»Ich will dir reinen Wein einschenken, Tanja, der wahre Grund, warum ich nicht zu dir gekommen bin, ist, dass ich Angst wegen unseres Altersunterschieds hatte. Ich bin für zu lange Zeit schon allein gewesen, und über fünfzig bin ich auch schon, wenn ich mich in dich verknallt hätte, so wär ich ziemlich dumm dagestanden, begreifst du das, Mädel?«, antwortete ich etwas unbeholfen, als ich sie sanft auf ihre Haare küsste.
»Seid ihr Männer aber blöd«, sagte sie nur kopfschüttelnd.
»Blöd oder nicht blöd, junge Dame«, antwortete ich spontan, während ich sie losließ und nach den Zigaretten auf dem Nachttisch fischte, »ich mach dir einen Vorschlag. Montagmorgen werde ich nach Amsterdam fliegen, lass uns mal das Wochenende gemeinsam in der Stadt verbringen, wir nehmen uns ein Hotelzimmer und sind doch letztendlich für ein paar Tage zusammen, einverstanden?«
Mit einem kleinen lustigen Schrei der freudigen Überraschung glitt die Kleine wie eine Gazelle aus dem Bett und fing an, mit langen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen.
Sie war aufgeregt, man konnte es ihr ansehen, sie ging hin und her, sprach leise auf Russisch vor sich hin und skandierte dabei jedes Wort, das sie aussprach, mit beiden Fingern in der Luft.
Himmel, war sie schön, mittlerweile kannte ich jeden Millimeter dieser russischen Göttin, die vor meinen Augen hin und her tanzte.
Dieses wunderschöne Wesen hatte wahrscheinlich die Kraft, Tote zu erwecken, denn ich wollte sie wieder in meinen Armen haben, deshalb stand ich auf und ging auf sie zu.
Sie sah meine Erregung und blieb lächelnd vor der Fensterbank stehen, Sie legte ihre Arme um mich und drückte sich mit all ihrer Kraft an mich, lehnte sich auf die Fensterbank und öffnete ihre Beine.
»Spasiba stasny Niedzwiec, wir werden bis Montag zusammenbleiben«, hauchte sie mir ins Ohr, bevor wir wieder eins wurden.
Sie hielt sich mit beiden Händen auf der Fensterbank gestützt und hatte ihren Kopf weit nach hinten gelegt, ihr blondes Haar hatte sich mit dem Rot der Vorhänge vermischt, ihr Busen hob und senkte sich im frenetischen Rhythmus ihres Atems, wie eine wilde Katze saß sie da und schaute mich mit halb geöffneten Augen an.
»Was habe ich bloß in all der Zeit vermisst und nur wegen der Scheiß Seefahrerei, ich Idiot, ich bin wirklich dumm gewesen, nur an Schiffe gedacht zu haben, Tanja.«
Sie antwortete nicht, stattdessen presste sie mich noch einmal ganz fest an sich und blieb für einige wunderbar lange Sekunde ganz ruhig, in Schweiß gebadet und schwer atmend hielt sie mich fest an sich, und ich kam mir vor wie ein Gummiball auf hoher See inmitten eines tosenden himmlischen Orkans.
»Da! Du alter Bär, du bist zwar nicht mehr der Jüngste, aber stark wie ein Bär. Lass uns jetzt ein Bad nehmen, sonst kommen wir überhaupt nicht mehr weg von hier, Franco«, flüsterte sie mir außer Atem ins Ohr.
Selbst außer Atem ließ ich ihre Beine los, blieb aber vor ihr stehen. Sie saß immer noch auf der Fensterbank mit ihren Beinen um mich geschlungen.
Sie legte dann ihre Beine wieder auf den Boden und richtete sich auf.
»Komm, Franco, lass uns von hier weggehen, nimm mich bitte mit, weg von hier, lass uns aus diesem Haus endlich verschwinden.«
Wir hatten uns nach unserem gemeinsamen Bad angezogen und wollten gerade aus dem Zimmer gehen, um bei Stella an der Bar zu frühstücken, als wieder mal jemand an ihre Tür klopfte. Kurz davor hatte ich ihr 300 DM geben wollen, sie aber hatte nur einhundert davon genommen, um den Fürst Metternich bei der Mama-san zu bezahlen und mir den Rest zurückgegeben.
»Nein, Tanja, der Rest ist für dich, kauf dir etwas Schönes dafür«, hatte ich ihr gesagt.
»Njet!«, hatte sie mir daraufhin geantwortet, »ich hab's hier mit all den anderen nur für Geld gemacht, ich hab die Augen zugemacht, es geschehen lassen und dabei wie tot dagelegen und nichts dabei gespürt. Es gab Momente, wo ich mich vor mir selbst geschämt habe, es gab aber auch einige schöne und nette junge Männer dabei, die haben mich angehimmelt, einige davon waren sogar in mich verliebt, sie bedeuteten mir aber nichts. Sie alle bedeuteten mir nichts, mit dir ist es was anderes, du kannst mir selbst in der Stadt was kaufen, von dir will ich kein Geld, alter Bär, ich hab's hier nur fürs Geld gemacht, jetzt tue ich es, weil ich es will, und ich will es mit dir tun.«
Darauf hatte ich sie sanft auf die Stirn geküsst und das Geld wieder weggesteckt, mir aber vorgenommen, ihr doch in der Stadt etwas Nettes zu schenken.

Henk stand vor der Tür, er war auch frisch gebadet und bereit, wieder an Bord zu gehen, er winkte dabei mit seiner leeren Packung Zigaretten und ich gab ihm meine.
»Wir müssen uns rasieren, Chief«, sagte er, nachdem er sich eine Zigarette angezündet und gierig daran gezogen hatte.
»Aber erst gehen wir drüben zur Stella zum Frühstücken«, antwortete ich, nachdem ich mir selbst eine Zigarette angesteckt hatte.
»Soll ich mitkommen, oder soll ich erst gleich ein paar Sachen packen und wir treffen uns dann bei Stella, Franco?«, fragte Tanja unschlüssig.
»Pack dir mal ruhig etwas ein und komm dann gleich mit deiner Tasche zu Stella, ich werd so lange dort auf dich warten«, hatte ich ihr geantwortet und flüchtig ihre Wange geküsst, als sie mich strahlend vor Freude daraufhin aus dem Zimmer geschoben hatte.
»Dann raus mit dir, alter Bär«, sagte sie noch und leise vor sich singend machte sie die Tür hinter mir zu.
»Hallöchen, Kinder, was geht hier mit euch beiden vor?«, fragte Henk überrascht.
»Komm, Henk, ich erklär dir das gleich beim Kaffee«, antwortete ich und ging die Treppen hinunter. Er folgte mir und unterwegs zur Alexandra Bar erklärte ich ihm, was ich vorhatte, er fand das gut und meinte auch, dass es für mich besser gewesen wäre, fürs Wochenende mit Tanja ins Hotel zu ziehen als an Bord zu bleiben.
Der Rest unsere Truppe war überraschenderweise noch nicht da, die Stella war an dem Morgen alleine im Lokal. Das wunderte mich zwar, fand es aber, insbesondere was Bernts morgendliche Saufereíen betraf, vollkommen in Ordnung.
Henk bestellte gleich zwei Cappuccini und zwei Brötchen mit Schinken und ohne Zeit zu verlieren rief ich den Agenten an und bat seine Sekretärin, mir ein Zimmer für zwei Personen in einem guten Hotel zu reservieren.
Dabei bat ich sie auch nachzusehen, ob es möglich war, meinen Flug von Montag auf Dienstag umzubuchen, sie stellte keine Fragen, sie bat mich nur, sie in zehn Minuten wieder anzurufen und erst dann setzte ich mich neben Henk an die Theke, wo mein Frühstück schon auf mich wartete.
Die effiziente und kompetente Dame hatte zehn Minuten später nicht nur ein Hotelzimmer für mich, sondern auch meinen auf den Dienstagmorgen umgebuchten Flug nach Athen und von dort aus zwei Stunden später weiter nach Amsterdam parat. Ich bedankte mich und versprach ihr vor meinem Abflug, mich noch kurz bei ihr im Büro zu melden.
Beim Frühstück schien Henk in Gedanken abwesend zu sein, dann aber kam point-blank die Frage, von der ich wusste, das sie zwangsläufig kommen musste.
»Bevor du von Bord gehst, möchte ich von dir gerne wissen, ob du auch wieder zurückkommst, Franco.«
Seine Frage war ehrlich, und da ehrliche Fragen auch eine ehrliche Antwort verlangten, sagte ich ihm endlich, was ich von dieser ganzen Geschichte hielt.
»Das steht wohl in den Sternen, Henk, das gesamte Unternehmen ist so unrealistisch, aber so was von bestialisch schwachsinnig, dass ich, falls ich nicht dabei wäre, es gar nicht glauben würde.
Es kann nicht wahr sein, denn alles, was wir brauchen, aber auch alles, Henk, können wir bei dem Eisenwarenhändler hier im Dorf finden, alles, verstehst du nicht? Der Mann hat alles in seinem Laden, wozu denn nach Rotterdam fliegen, um etwas zu kaufen, das wir hier im Dorf kaufen können? Und die Tanks können wir auch selbst bauen, die hätten sogar schon lange im Cabo Verde gebaut werden können, wozu denn die Tanks aus Rotterdam kommen lassen? Das alles hier ergibt keinen Sinn, Henk, denn diese Reise ist nicht machbar. Henk, sag du mir lieber, was ich von dem alles hier denken soll«, fragte ich gleich hinterher.
Er trank seinen Kaffee mit Milchschaum, aß sein Brötchen, zündete sich dann eine Zigarette an und bestellte sich gleich darauf noch ein Brötchen. Erst dann spürte ich selbst Hunger und fing, während ich auf seine Antwort wartete, in aller Ruhe an zu frühstücken.
»Auch eine Mittelmeerreise nicht, Chief?«, fragte er mich nachdenklich.
»Das Schiff ist alles, denn es ist nicht der Schiffsrumpf, der mir Sorgen macht, das gesamte Rohrwerk im Maschinenraum ist auch alle, du hast es selbst erfahren, wie es ist, wenn ein Seewasserrohr im Maschinenraum auf See zu Bruch geht. Ihr habt Schwein gehabt, denn ihr wart auch dicht unter Land und noch was, Henk, wir haben alle Seeventile dicht, wir hören nirgendwo im Maschinenraum Wasser laufen, aber das Wasser steigt in den Bilgen. Also haben wir entweder ein Rostfraßloch im Rumpf oder eine Schweißnaht hat einen Riss, wie auch immer, es wird mit der Zeit noch größer werden. Bekommt das Schiff aber noch einen Rohrbruch dazu, dann ist es eigentlich egal, wo du bist, im Indischen, im Atlantischen Ozean, hier in der Bucht oder an der Pier, das Schiff kann dadurch absaufen. Der einzige Unterschied ist, dass du hier vor der Haustür bessere Überlebenschancen haben wirst als in Antarktika.«
Um ehrlich zu sein, ich spürte keine Lust mehr, immer und immer wieder dieselben Fragen beantworten zu müssen.
Immer und immer wieder dieselbe Erklärungen und Vorschläge abzugeben.
Mir stand alles bis zum Hals, ich wollte nur noch weg, weg von hier, weg für ein paar Tage mit Tanja und danach nach Rotterdam fliegen. Dort wollte ich für eine Weile in dem Algarve Hotel bleiben, wo, so war ich mir sicher, mich die Nachricht von dem Aus und Vorbei des gesamten Deals erreichen würde − ich hatte schlicht und einfach die Schnauze voll.
Henk hatte sehr aufmerksam zugehört, er schaute sich unschlüssig um, er wollte etwas sagen, das war mir klar, es schien mir aber auch, dass er nicht so recht wusste, wie er damit anfangen sollte, dann aber kam er doch damit raus.
»Du hast Recht, Chief, dies hier scheint doch ein verkapseltes Spiel zu sein, ich hab mir auch meine Gedanken darüber gemacht, ich glaube, dass ich mir noch eine Woche diese Sache hier ansehe, dann aber werden Joss und ich nach Hause fliegen. Dieses Schiff ist gefährlich, wir werden irgendwo mit all den Ratten jämmerlich absaufen. Der Kapitän soll gefällig selbst zusehen, wie er aus dieser Scheiße hier rauskommt. Wahrscheinlich hast du selbst mit deinen Frischwasser- und Schmierölanfragen das Unternehmen zu einem schnellen Ende gebracht. In der Tat, Franco, keiner von uns hat noch nicht mal im Traum gedacht, dass so ein erfahrener Mann so einen Schrotthaufen, der noch nicht mal genügend Schmieröl und Frischwasser bunkern kann, kaufen würde.«
»Du hast den Proviant vergessen«, erinnerte ich ihn. Er schaute mich nur an und fing an zu lachen.
Wir blieben für eine Weile einfach da sitzen ohne zu sprechen. Stella hatte, wie immer um die Zeit, sich ans Fenster gesetzt und las ihre Zeitung und kam nur rüber zu uns, wenn wir etwas bestellten.
Henk und ich wussten auch nicht so recht, wie wir unsere Begegnung beenden sollten, so verrückt war diese Geschichte.
»Hat einer der Inspektoren dich nach deiner Adresse gefragt?«, wollte er auf einmal wissen.
»Ja, das hat er«, hatte ich ihm geantwortet und ebenfalls erklärt, dass der Wirt von La Grotte, meiner Stammkneipe in Rotterdam, fast immer wusste, wo ich zu finden war.
»Wenn das so ist, dann bestelle bitte Kelly viele Grüße von mir, Chief, dort werden wir auch nach dir suchen und uns irgendwann auch dort vielleicht wiedersehen.«
»Der alte Sack scheint fast wie ein Erkennungswort zu sein«, sagte ich daraufhin lächelnd und war überhaupt nicht erstaunt, dass Henk Kelly kannte.
»In der Tat, Franco, Kelly kennt viele Leute, aber er hat nur wenige Freunde«, bestätigte er daraufhin.

»Bis heute sind um die 600.000 DM für das Schiff ausgegeben worden und was wir dafür bekommen haben, ist ein Totenschiff. Die Auftraggeber werden ganz bestimmt auch Fragen stellen und der Deal irgendwann abblasen, da bin ich mir jetzt fast ganz sicher, Chief, dieses Spiel hier ist der glatte Wahnsinn.«
»Ich weiß es nicht so recht, Henk«, gleichzeitig gab ich Stella ein Zeichen, uns mit noch zwei Brötchen und Cappuccini zu versorgen und zündete mir eine Zigarette an.
»Das begreif ich jetzt nicht, was meinst du damit?«, fragte Henk etwas perplex.
Nun war es so weit, denn ich wusste nun, dass ich als Kellys Freund sein Vertrauen hatte, wie er wiederum als sein Freund meins hatte. So konnte ich ihm sagen, was mir seit einiger Zeit schon durch den Kopf ging und ich zu niemandem, noch nicht mal zu Bernt, gesagt hatte.
»Dies hier ist ein meisterhaft inszeniertes Tarn- und Täuschungsspiel, Henk, nenn es Theater, nenn es Zirkus, dies hier ist für mich ein Luftballon. Zuerst fing der Cesar an, mehr Geld hier im Dorf auszugeben als manche hier noch nicht mal im Monat verdienen, und das jeden Tag, tagaus, tagein, und zu sprechen, Henk, jeder im Dorf weiß nun, was das Schiff tun soll, er hat' s herumerzählt, Henk. Gestern Abend sind wir alle mehrmals fotografiert worden, einige der Leute, die uns geknipst haben, waren Truppenbetreuer, Henk, keine blauäugigen Jungs, es waren Nachrichtenoffiziere, Militärnachrichtendienst, Henk, einer davon war Israeli, okay, Henk? Und so, denke ich, während wir uns hier auf dieses Schiff konzentrieren und jeder hier auf uns die Augen draufhält, was macht der Kapitän? Er lässt das wahre Schauspiel über eine andere Bühne mit einem besseren Schiff laufen, ich bin mir sicher, dass, sobald ich mich von Rotterdam aus melden werde, man mir alles Gute wünschen und Tschüss sagen wird. Es ist vorbei, Henk, das hier ist und war von Anfang an ein totgeborenes Kind,« sagte ich mit felsenfester Überzeugung.
»Deine Vermutung über ein Doppelspiel habe ich schon einmal gehört, Franco, vor ein paar Wochen, nämlich in Amsterdam. Sollte das hier wirklich der Fall sein, dann hat unser lieber Herr Kapitän ein Problem am Hals, ein sehr große sogar«, antwortete er sofort ohne Wenn und Aber.
Wir machten eine Pause, was hätten wir uns noch sagen können? Er, der Waffenschmuggler, und ich, der gestrandete Seemann, was könnten wir uns noch sagen?
Henk schaute nachdenklich nach draußen und ich beobachtete ihn. Ich sah zu, wie er bei Stella zwei Biere bestellte, wie er sich eine Zigarette drehte, wie er sich die Zigarette anzündete und wusste nach all den Wochen, die wir uns kannten, immer noch nicht, was ich von diese Mann um die fünfzig halten sollte.
Ehemann, Familienvater, anständiger, sein Vaterland liebender Holländer und königshaustreu, aber auch Waffenschmuggler und eventueller internationaler Terroristenhandlanger und -helfer zugleich.
Mein Gott, was für eine gebündelte Mischung aus gutbürgerlichem Leben und politischer Kriminalität in ihm vereint war.
Parteipolitisch, so schien mir, war er neutral, er hatte keine politischen Ideale, er war Holländer, er liebte sein Land über alles, und das war für ihn genug.
Politik oder sozialpolitische Probleme waren nicht sein Bier, er war Holländer und basta − wie und wo er sein Geld verdiente, waren nach seiner Auffassung einzig und allein seine Säcke.
Er träumte, sich eines Tages ein eigenes Schiff kaufen zu können, und jedes Mittel war ihm recht, um an das nötige Geld ranzukommen, sein Recht.
All die anderen, die „wahren“ Täter und ihre Opfer waren ihm schnuppe. Dafür hätte ich ihn verachten müssen, ihm meinen Ekel für seine Handlungen und Gedankenweisen ins Gesicht schleudern. Ich konnte es aber nicht, denn ich war derjenige, der mit allen Mitteln versuchte, das Schiff seeklar zu machen.
Denn so wie er der Mittel zum Zweck einiger islamischer Terroristen war, so war ich sein Mittel zum Zweck, um die Unternehmung erst recht zu ermöglichen, darum konnte ich nicht den ersten Stein werfen.
Sollte ich mir aber aus meiner Gedankenfolge eine Entschuldigung oder einen Grund für meinen Willen dieser Reise nach Bosnien doch mit meiner Arbeit, zu ermöglichen, so würde es mir in Anbetracht der dortigen Situation gar nicht mal allzu schwer fallen.
Ich fand die NATO-UNO-Blockade um Jugoslawien, die ausschließlich den Serben half ihren Völkermord an den Bosniaken weiter, zu führen, der vor den Augen der gesamten Welt stattfand und erst recht ermöglichte, ein Verbrecher gegen die Menschheit.
Jedes Volk hatte das Recht auf Selbstverteidigung, auch das bosnische.
Hätte ich ein gutes Schiff gehabt, so hätte ich die Reise gemacht, und das aus Überzeugung und nicht nur des Geldes wegen.
Was mich an ihm störte, war seine Bereitschaft, eventuell, falls die Reise für Bosnien abgeblasen werden würde, für Herren wie Gaddafi und seinen Sozius, den Arafat, zu arbeiten, quasi nach dem Motto: Noch ein bisschen Sprengstoff nach Europa, damit noch ein Passagierflugzeug im Flug explodieren kann oder eine Diskothek − oder wie wär‘s mit einem Supermarkt oder einer Synagoge? Noch eine Ladung Waffen für die IRA in Irland oder die Basken in Spanien, und weil wir gerade dabei sind, warum nicht einen Abstecher nach Korsika machen? Die Leute dort werden bestimmt über kurz oder lang weiteren Nachschub brauchen.
Dies alles natürlich im Namen der Freiheit, der Freiheit der Terroristen, der Freiheit der Anarchisten oder die der Willkür der Diktatoren.
Egal, wie ich es drehte, ich konnte Henk nicht anklagen, nein, ich konnte den Mann nicht anklagen, ansonsten hätte ich mich selbst und mit uns beiden die gesamte Menschheit anklagen müssen.
Sind wir, die westlichen Nationen, mit unseren nationalpolitischen Interessen, mit unseren Politikern, die auch Leuten wie Arafat die Hände schütteln und ihm einen Nobelpreis verpassen, nicht alle wie Henk?
Versuchen unsere Staatsmänner etwa nicht, ihre Handlungen, ihre persönlichen und partitokratischen Belange mit dem Schleier der nationalen Interessen zu verschleiern, indem sie Arafat unterstützen?
Sind die nicht allesamt wie Henk?
Wo zum Teufel noch mal ist der Unterschied zwischen Henk und den linken politischen Puritanern dieser Welt, die das Bombardieren des Gaddafi-Palastes in Tripolis durch die USA-Flugzeuge nach dem La-Belle-Attentat in Berlin und der Zerstörung der PAN-AM-Maschine über Schottland ein Verbrechen nannten?
Man müsste jetzt die Meinung der Kinder dieser Welt hören und zwar auf beiden Seiten, auf dieser sowie auf der anderen Seite, von den ideologischen Barrieren.
Wir müssten die Kinder Jugoslawiens, die Kinder Israels, die Kinder Palästinas und die aus Angola und Mosambik fragen, was die von uns denken, denn in meinen Augen können nur die uns anklagen, aber nicht nur den Henk oder mich, sondern uns alle.
Wir Christen und wir Muslime, wir westlichen und wir abendländischen Völker, denn alle gemeinsam sind wir nichts anderes als die vielen namenlosen Henks. Gefangene der Lichter unserer Städte, Opfer und Schuldige zugleich, Treiber und Gejagte und über Kinderleichen hinweg, Macher und Zerstörer unserer Zivilisationen und das alles, verdammt noch mal, verschleiert durch den Schleier der nationalen Interessen oder denen des Glaubens, aus reiner, purer Geld- und Machtgier.
Nur die Kinder dieser Welt könnten uns anklagen, denn all die anderen, die sogenannten Erwachsenen, die Zivilisierten, die guten Christen und guten Muslime sollten, alle wie die da sind, gefälligst ein für allemal die Schnauze halten.
In tiefer Demut sollten sie alle zu Gott beten, damit sich das Blatt nicht wendet, denn sollten Herren wie Gaddafi und Arafat eines Tages die Oberhand gewinnen, würden es viele von uns, wie Fälle wie Lockerbie in Schottland und La Belle in Berlin es uns zum Beispiel so brutal zeigten, noch nicht mal überleben.

Fortsetzung folgt

Donnerstag, 1. Oktober 2009

TANJA

Aus MSKRP n° 1 „DER FALL MS. EL CASTILLO“ ISNB 3-86516-375-0
Aus der Reihe: Ein Haufen von Vollidioten ist am Werk.

….Wenn das Dante-Inferno irgendwo eine feuchte Ecke hat, so müsste das sein, wie die Hollywood-Bar in Sousa auf der nordwestlichen Spitze Kretas sich gegen 2 Uhr morgens präsentierte.
Die Bude war rammelvoll und wir, die Möchtegern-Waffenschieber, UNO-Blockadebrecher und eventuellen islamischen Terroristenhelfer zugleich, umringt von gut und gern 50 UNO-NATO-Soldaten, tranken um die Wette, während die blauen Jungs mit ihren Fotoapparaten auf Teufel komm raus Erinnerungsfotos knipsten.
Die knipsten das Lokal, unsere „Reederei“-Inspektoren, den „Kapitän“ mit uns, mit jedem, und auch den Cesar, unseren indonesischen Motormann, der sich, angetan von so vielen knackigen jungen Ärschen, selig und wonnig in der Gegend umschaute.
Schlagartig, wie sie zu später Stunde mit ihren Bussen aus den Sehenswürdigkeiten Kretas gekommen waren, so schnell verschwanden die blauen Jungs auch wieder, und gegen 3 Uhr waren alle weg.
»Die müssen spätestens um 4 Uhr an Bord sein«, erklärte uns die Mama-san des Lokals und erst dann merkte ich, dass unsere Kameraden sich auch still und leise irgendwann aus dem Staub gemacht hatten.

In der Hollywood-Bar herrschte in den frühen Morgenstunden nach einer wirklich teuflischen Nacht wieder Ruhe im Puff.
Die britischen UNO-Marine Infanteristen auf Urlaub von ihren Einsätzen in Jugoslawien sowie die Matrosen der Royal Navy, die die lachhafte Seeblockade an Jugoslawien aufrecht hielten, waren an Bord ihrer Schiffe am Anker in die Bucht zurückgefahren, sodass wir nun die Bar für uns alleine hatten.
Gerade hatte ich die beiden Inspektoren aus Holland verabschiedet, nachdem ich denen klar gemacht hatte, dass den 45 Jahren Alte MS. El Castillo auf gar keinem Fall das geeignete Schiff war, um Waffen nach Jugoslawien zu den Bosniaken zu schmuggeln, und denen nahe gelegt hatte, sich ein besseres Schiff zu besorgen und nicht ein Wrack, das zwar mit funkelnagelneuen Zertifikaten versehen worden war, aber einfach nicht fahren könnte, weil die gesamte Anlage schlicht Schrott war.
Die hatten uns 500,- DM zum Weitersaufen gegeben und waren zurück nach Chaniá gefahren, von wo aus sie am nächsten Tag über Athen zurück nach Holland flattern wollten.
Wir, Hans und ich, saßen nun alleine an der Theke, unsere Kollegen waren vor einigen Stunden schon wieder an Bord getorkelt, wir beide hatten aber noch keine Lust schlafen zu gehen und so genehmigten wir uns den berühmt-gefürchteten „One for myself and one for the road“-Drink.
Die beiden hübschen Mädchen aus Russland, mit denen wir uns einige Male schon in den vergangenen zwei Monaten unterhalten hatten, waren immer noch beschäftigt, mit ihrer griechischen Mama-san das Lokal wieder auf Vordermann zu bringen, sie ließen uns nicht aus den Augen und waren sofort zur Stelle, für Nachschub zu sorgen, sobald unsere Gläser leer waren.
Seit einigen Stunden schon hatte ich von Bier auf Wodka mit Orangensaft umgeschaltet, das mache ich immer, denn das ist eine gesunde Gewohnheit von mir, denn wenn ich merke, dass ich mal langsam besoffen werde oder gar schon geworden bin, dann steige ich sofort auf die rettende und unterstützende Mischung aus viel Wodka auf Eis mit Orangensaft um - und je mehr ich davon trinke, desto nüchterner werde ich.

Tanja, das Mädchen, mit dem ich mich immer gerne unterhielt, kam an die Theke, als sie alle mit der Ordnungsmacherei fertig waren, und setzte sich auf den Hocker neben mir.

»Warum bist du nicht wie versprochen vorige Woche zu mir gekommen, Franco?«, fragte sie mich vorwurfsvoll, als sie ihre Ellbogen leicht in meine Rippen haute.
»Warum bloß nicht, gefalle ich dir vielleicht nicht?« fragte sie noch.
Ohne auf ihre Frage einzugehen, drehte ich mich auf meinem Hocker nach ihr um, sie tat das Gleiche auf dem ihren, unsere Knie berührten sich.
Ich hatte sie nun sitzend vor mir.

Sie mit ihrem kurzen schwarzen Kleid.
Sie mit ihren wohlgeformten nackten Beinen.
Sie mit ihrem sündhaft tiefen Ausschnitt, ihrem prallen Busen, ihrem langen blonden Haar.
Sie mit ihrer Jugend.
Sie hatte sich mit dem linken Arm auf den Tresen gestützt und schaute mich erwartungsvoll, sinnlich und herausfordernd zu gleich an.
Meine Gedanken an eine ruhige Nacht verschwanden langsam in weiter Ferne, bis sie fast nicht mehr vorhanden und wahrzunehmen waren, denn Tanja war wirklich mehr als eine Sünde wert.
Ich legte meine weit geöffneten Hände auf ihre einladenden Schenkel und schob sie langsam nach oben, ganz hoch zum Eingang ihres Schoßes, ich beugte mich zu ihr und küsste sie sanft auf die Stirn.
»Ich hatte viel Arbeit zu erledigen, Tanja, darum konnte ich nicht zu dir kommen«, sagte ich leise, während meine Hände wie von einem Magnet magisch angezogen sich ihren Weg zwischen ihre Beine bahnten.
»Njet robotti, alter Bär, du hast nur gesoffen, ich weiß es«, antwortete sie mir mit Nachdruck.
Sie richtete sich wieder auf und legte ihre Hände auf die meinen zwischen ihre halbgeöffneten Schenkel, sie drückte meine Hände tief in die einladende Wärme ihres Schoßes und presste dann ihre Beine zusammen.
Währen das ganze Lokal sie wie in ein Wechselbad aus Lichtern und Musikklängen umhüllte und die bunten Lichter der Tanzfläche auf ihrem blonden Haar tanzten, wurde mir klar, dass ich ihr hoffnungslos ausgeliefert war und, dass es mir verdammt schwer fallen würde, von ihr wegzukommen, wenn überhaupt.
Sie öffnete kurz ihre Beine wieder und gab unsere Hände frei und ich nahm ihr Gesicht zwischen meine Hände und küsste sanft ihren feuchten Mund.
»Bleib bei mir, lass mich heute Nacht nicht allein«, flüsterte sie.
»Tanja, versuch bitte, mich jetzt zu begreifen, du bist ein sehr schönes Mädchen und ich mag dich sehr, aber ich habe mich seit drei Tagen nicht mehr duschen können, weil wir auf eine neue Wasserpumpe warten, morgen aber gehe ich bei Niko ins Hotel duschen, dann komme ich zu dir, Okay?«
»Njet«, sagte Tanja resolut, sie sprang von ihrem Hocker, ging mit langen Schritten hinter den Tresen, von dort nahm sie eine Flasche Sekt, danach kam sie wieder an mir vorbei und ging langsam bis zur Tanzfläche, wo sie unter der drehenden Lichterkugel stehen blieb.

Ein fast unrealistisches Bild entstand vor meinen Augen, und während Tanja stehen blieb wie eine Statue unter der bunten Lichtquelle unter den tanzenden Lichtern, die wie sanfte Hände diese makellose Erscheinung liebkosten und wie berauscht um sie und an ihr wie kleine, lustige Kobolde, die sich an ihrer guten Fee erfreuen und dabei blitzschnell ihre Farbe von Indigo zu Grün von Gelb zu Knallrot wechseln, schien alles in mir zu explodieren, und als sie sanft meinen Namen rief, folgte ich, fast von den bunten Lichtern getragen, ihrem Ruf.
»Komm mit, du alter Bär, du brauchst ein Bad«, hauchte sie mir ins Ohr, als ich bei ihr war, um mich zusammen mit den bunten Lichtern mit ihr zu berauschen.
Wir liebten uns nicht an dem Morgen oder besser gesagt, wir liebten uns schon, aber ohne Sex.
Wir tranken nach einem wunderschönen, langen, gemeinsamen Bad unsere Flasche Sekt leer, danach lagen wir eng umschlungen im Bett.
Dort hörte ich ihr zu, wie sie mir von ihrer Heimat erzählte.
Sie sprach von ihrem Freund, dass Sie daheim in Russland bald heiraten wollte, von ihrem Willen, ihr Studium wieder aufzunehmen, um Kinderärztin zu werden und dass Sie selbst irgendwann einige Kinder haben wolle.
Ohne falsche Scham erzählte sie mir auch von ihrer Arbeit in der Hollywood-Bar und wie sie dazu gekommen war, wie toll, wie wunderschön hier im Westen alles für sie war.
Sie wollte auch irgendwann zusammen mit ihrem Freund mal nach Rom, nach Venedig, nach Paris fahren, einmal auch Berlin und den Rest von Deutschland besuchen, und ich lag nur da und hörte, , ergriffen, wortlos, ja, aufmerksam hörte ich zu, wie diese Fabelerscheinung von sich und ihren Wünschen sprach, und ich konnte nicht genug davon bekommen.
Der Klang ihre Stimme, das rhythmische Schlagen ihres Herzens, die Geborgenheit ihrer Arme, ihre Wärme, all das war wie Erlösung für meine Seele.
Nach all den Nächten an Bord der El Castillo, in Gesellschaft dicker fetter Ratten, einem fast alkoholisierten Kumpel und einer schmierigen kleinen indonesischen Tunte als Motormann, fühlte ich mich endlich wieder als Mensch.
Nach all den Ängsten und Hoffnungen der vergangenen Zeiten hatten die paar Stunden, die ich in ihren Armen verbrachte, mir wieder Mut und Hoffnung gegeben und ich war ihr sehr dankbar dafür.
Irgendwann schliefen wir doch ein, die lange Nacht, die vielen Drinks, die wir gehabt hatten, die Biere, die Wodkas mit Orangensaft und der Schampus, dies alles hatte uns jeglichen Willen abgenommen, geraubt und zerstört zu gleich.
Wir waren nur noch müde, voll wie tausendundeine Russin und wollten nur noch pennen.
Gemeinsam erwachten wir gegen Mittag, als jemand an die Zimmertür klopfte. Widerwillig zog sich Tanja das Nachthemd an, das am Boden, neben dem Bett lag, und ging schlaftrunken zur Tür.
Ihre Freundin stand davor, ebenfalls im Nachthemd, sie hatte zwei Tassen Kaffee mitgebracht, die beide unterhielten sich leise miteinander für ein paar Momente auf Russisch, dann kam Tanja wieder ins Zimmer zurück.
»Hans schläft noch«, sagte sie mir, als sie mir die Tasse Kaffee gab, ich trank gierig aus der lebensspendenden heißen Tasse, das tat mir gut, jedoch hatte ich nur noch Augen für diese makellose junge Frau, die auf der Bettkante neben mir mit ihrem durchsichtigen Nachthemd saß.
Im gedämpften Licht ihres Zimmer, als ich an dem Morgen Tanja sah, erwachte ich wie aus einem langen, nutzlosen, unsinnigen Winterschlaf, und ich wollte sie nur noch liebkosen und lieben und nie wieder allein sein.
Sie stellte ihre Kaffeetasse auf die Nachtkommode, zündete dann gleichzeitig zwei Zigaretten an und gab mir eine davon.
Für eine Weile tranken und rauchten wir, ohne ein Wort zu sagen, wir schauten uns nur an, so wie zwei Raubtiere sich vor einem Kampf um Leben und Tod belauern und überprüfen, so schauten wir uns an.
Wortlos und unbeweglich, unsere Zeit war gekommen, das wussten wir, wir hatten aber keine Eile, wir wollten nichts überstürzen, es war einfach zu schön, so wie es war, wir waren zusammen, wir wussten, dass wir uns gleich lieben würden, aber wir warteten ab, so als ob wir beide die gleiche Angst spüren würden, denselben Gedanken hatten. Nämlich, dass eine falsche Bewegung, ein falsches Wort uns diesen wunderbaren Moment der gegenseitigen Begierde für immer rauben und einfach zerstören würde.
Tanja nahm dann meine Zigarette aus meiner Hand und drücke sie zusammen mit der ihren in dem Aschenbecher aus.
Ohne mich aus den Augen zu verlieren, stand sie auf und ließ ihr Nachthemd über ihre Schulter gleiten und zu Boden fallen.
Sie war einfach wunderschön, sie wollte geliebt werden und sie ließ es mich auf diese wunderbare Weise wissen.
Sie sank zu mir ins Bett und mit ihr versank um uns der gesamte Planet, es gab nur noch uns und niemand anderen mehr.

Nix finito, von wegen hier finto, fortsetzung folgt, aber langsam, piano, piano, ein alter Mann ist ja doch kein D-Zug, oder?

Montag, 14. September 2009

UND SIE SCHÄMEN SICH NICHT MAL.

Die gute Nachricht ist, dass man beschlossen hat, mit vereinigten Kräften einen Plan zur Rettung der Deutsche Werften auszuarbeiten.
Toll!
„Man“, das sind EU-Kommissar Herr Günter Verheugen als eventueller Geldesel des Bundes und der Europäischen Union für die leidgeprüfte deutsche Werft-Industrie, die Werftmanager Deutschlands und der Manager der Fincantieri aus Italien, der zu seiner Zeit bei der Lloyd Werft in Bremerhaven hätte einsteigen wollen.
Von italienischem Knowhow nach vorne getrieben, schnappten sich die pfiffigen Werft- und Seefahrtexperten Deutschlands aber die Idee meines geistreichen und wortgewandten Landsmannes und machten es sich zu eigen.
Am Tag danach meldeten die „Bremer Nachrichten“, dass sogar der Bremer Wirtschaftssenator nun erwartete, dass die Bundesregierung endlich handele.
Es ist uns nicht zu wissen gegeben, was der Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg oder die maritime Koordinatorin des Bundes, Frau Dagmar Wöhrl, zu sagen hatten, man hat aber gehört und gelesen, dass die an dem Tag in Bremerhaven mit von der Partie waren.
Leider haben es weder „buten und binnen“, das regionale Programm der ARD für das bremische Land, noch die „Bremer Nachrichten“ als lokales Presseorgan Bremens, für nötig gehalten, danach zu fragen, wie hoch die Abwrackprämie pro Schiff sein sollte - schade, jedoch uns ist klar geworden, dass die sogenannten hohen Herren gar keine so hohen Herren sind und dass die da oben überhaupt keine zivilen Schamgefühle mehr kennen.

Denn in der Tat, im Kielwasser der Abwrackprämie für die leidgeprüfte Autoindustrie schlug der ausgefuchste Fincantieri-Manager das Gleiche für die Seefahrtindustrie vor.
Demzufolge also sollte Vater Staat gefälligst für jedes abgewrackte Schiff eine Prämie zahlen, wie viel, das hat uns der illuminierte Werftmanager aus Italien nicht wissen lassen wollen, es dürften aber nach vorsichtigen Schätzungen und kühnem Kalkül etwas mehr als 2.500,- € pro Schiff sein, nicht wahr?
Nun will man also die alten Fähren und Pötte und alten Gurken abwracken und der Bund, sprich der Steuerzahler, soll dafür wieder mal zur Kasse gebeten werden.
Der deutsche Michel hat aber schon einmal für die Schiffe bezahlt, nämlich mit den Subventionen für die Seefahrt, die am 31. Dezember 2000 auf UE gehisst in Deutschland abgeschafft worden sind, nicht wahr?
Der deutsche Steuerzahler zahlt nämlich heute noch für alle Schiffe, die bis zu dem damaligen Zeitpunkt auf Kiel gelegt worden sind, und heute noch im Ausland gebaut werden, während die Werften hierzulande reihenweise Pleite gehen oder zu einem späten Zeitpunkt, höchstwahrscheinlich nachdem die gegenwärtige Wirtschaftskrise vorbei ist, gebaut werden sollen.
Oder wie war das noch?
Wobei natürlich hier noch zu prüfen wäre, ob der Dreh mit der Auslandsbauerei überhaupt verfassungskonform gewesen wäre.
Ich glaube, dass der gesamte Subventionszirkus in vielen Fällen, besonders dann, wenn die Schiffe im Ausland gebaut worden und nicht zuerst deutsches Personal (sprich Hartz-IV-Empfänger) an Bord angeheuert worden sind, sogar verfassungswidrig war.
Deutschland hat um die 3.300 Schiffe, wobei über 85 % davon unter den so genannten „Billigflaggen“ fahren, hierzu zählt natürlich auch das zweite deutsche Seefahrtregister.
Italien ist mit seinen 2.900 Einheiten auch nicht weit davon entfernt.
All die Schiffe sind kaum älter als 15 Jahre, nun aber sollen viele davon abgewrackt werden, um eine eventuelle Abwrackprämie vom Bund einzusacken.
Zuerst also bietet man durch den Bund den Michel zur Kasse.
Der Bund zahlte, damit Arbeitsplätze für die Werften und die Seefahrt geschaffen werden.
Es wurden aber Unsummen deutscher Steuergelder ins Ausland exportiert und tausende Arbeitsplätze hierzulande vernichtet, nicht wahr?
Die Amigos des Verbandes Deutscher Reeder baute vorliegend seine subventionierten Schiffe im Ausland und anstatt Deutschen heuerten sie asiatisches und osteuropäisches Seefahrtpersonal an.
So war es doch, oder?
Nun soll der gleiche deutsche Michel für das Abwracken von Schiffen noch einmal zur Kasse gebeten werden - sag mal, spinnt ihr alle oder was zum Teufel glaubt ihr eigentlich tun zu können?!
Und das soll verfassungskonform sein?

Ihr habt um die 100.000 Arbeitsplätze in der Seefahrt zerstört.
Ihr habt um die 25.000 Arbeitsplätze bei den Werften vernichtet und manchen, nämlich fast alle, in die Insolvenz getrieben.
Ihr habt all die Schiffe, die der deutsche Michel euch fast geschenkt hat, im Ausland bauen lassen und somit um die 25.000 Werftarbeiter arbeitslos gemacht - wie viele davon wieder einen Job gefunden haben, sei erst mal dahingestellt.
Ihr bildet fernöstliches Seepersonal aus und schert euch einen Dreck, dass tausende Seeleute hierzulande von Hartz IV leben müssen, gleichzeitig, ohne euch zu schämen, habt ihr auch noch die Courage, nach Abwrackprämien zu fragen.
What the fuck, Wahnsinn!

Kürzlich sagte ein Reeder aus Ostfriesland, dass die Werften in Vietnam näher dran seien, als man denkt.
Sicher, mit dem Flieger aus Bremen ist man fast schneller in Vietnam als ein alter Mann mit dem Fahrrad von Leer zur Lloyd Werft in Bremerhaven, zum Beispiel.

Siehe hierzu auch folgende Posten:
NON DEMISSUS von 02. 08. 07
HIC MANEBIMUS OPTIME von 13. 07. 07
HIC MANEBIMUS OPTIME II von 22.10. 07

Montag, 31. August 2009

QADRUVIUM TRE

Aus MSKRPT N° 5 „DIE WERFT“

Wie dämlich manche Menschen waren bei mir im Dorf, das nun kein Dorf mehr ist, weil es auf dem Papier eine Stadt geworden war, bekam ich abermals zu spüren, als ich die Clique der Tocai eines schönen Mittags in unserem Stammlokal traf.
»Von dir sagt man nun, dass du für die CIA in Jugoslawien arbeitest, Franco«, begrüßte mich einer von meinen Tocai freunden an dem Tag kurz vor Mittag, als er mich sah.
»Ach, wo denn, das stimmt doch gar nicht, denn ich habe gehört, dass Franco als Freischärler für den Bosniaken tätig ist«, sagte ein anderer.
»Gut für mich, dass ihr die Geschichte von El Castillo nicht kennt«, dachte ich grinsend.
»Du fährst mit dem Zug immer nur bis Wien, und dort wirst du von einem slowakischen Taxi abgeholt, das beflügelt die Fantasie der Idioten hier im Dorf. Darum darfst du dich nicht wundern, wenn die anfangen, Geschichten über dich zu erzählen«, erklärte mir der Dritte im Bunde.
»Nanu, wer hat euch das gesagt?«, fragte ich überrascht
»Einer aus dem Dorf hat dich am Hauptbahnhof in Wien erkannt und zugesehen hat, wie du von einem Mann dort erwartet wurdest und wie du mit ihm in ein Taxi aus der Slowakei eingestiegen und weggefahren bist.«
»Warum hat er denn mir nicht‚ Guten Tag gesagt, wenn der Idiot mich gefragt hätte, dem hätte ich gesagt, was ich dort zu suchen hatte. Wer ist er denn?«, fragte ich neugierig.
»Den kennst du bestimmt nicht, Franco, denn er kommt aus dem Süden, er ist Vertreter und erst seit ein paar Monaten hier bei uns. Er ist irgendein Feldwebel in Rente, der als Lebensmittelvertreter seine Rente aufbessert.«
»Am Fiskus vorbei und daher schwarz natürlich, das sind die Richtigen, die Schweinehunde, die schmecken mir am besten«, verbesserte der TH-Professor in Pension, schimpfend, der am liebsten, alles, was mit Polizei und Staatsmacht zu tun hatte, in der Hölle schmoren lassen würde.
Mit ein paar Wörtern erklärte ich denen, was ich in die Slowakei tat und warum ich in Wien immer das Taxi aus Komárno kommen ließ.
Sie alle hörten aufmerksam zu, sie sagten auch nichts dazu, dafür aber sprachen ihre Gesichter Bände, denn keiner von denen glaubte mir ein Wort.
Wie denn auch? Wie könnte ich denen und all den anderen Helden klarmachen, dass die Scheißhausparolen, die über mich seit einigen Jahren schon im Dorf kursierten, mir bestens bekannt waren? Dass solche Geschichten nur aus dem faulen Humus, der von einige trübsinnigen Dorftrotteln als Gehirnmasse bezeichnet wird und in ihrem Kürbis spazieren getragen wurde, entsprangen?
Wie denn?
Als ich bei dem Holländer war und monatlich nach West Afrika flog, ging ich oft und noch öfter meine Eltern besuchen.
In Lagos, wo ich unsere Schiffe betreute und aufpasste, dass alles mit rechten Dingen vor sich ging, hatte ich immer genügend US-Dollars bei mir, um den Agenten und sonstige Unkosten zu bezahlen.
Dort bei der KLM Nigeria bestellte ich auch all die Flugtickets, die mein damaliger Arbeitgeber mir aufgelistet hatte, und zahlte sie mit der landesüblichen Währung, in Naira also, die ich vorher in dem Bristol Hotel, von unserem Valuta Schwarzmarkthändler für einige Hundert Dollars, je nach Bestellung und Bedarf, zu mir ins Hotel gebracht bekam.
KLM Holland war zwar natürlich nicht allzu begeistert davon, konnte aber nichts dagegen tun, denn es war alles bestens und legal, weil ich als Käufer immer unsere nigerianische Niederlassung angab, und die offizielle Währung in Nigeria ist nun mal die Naira und nicht der US-Dollar.
Als ich dann eines Tages im Reisebüro bei mir im Dorf einen Flug von Triest nach Amsterdam via Mailand buchte und ein Flugticket, das mich von Lagos aus nach Amsterdam via Mailand und Triest und wieder via Triest und Mailand nach Amsterdam zum Weiterflug nach Lagos in Nigeria zurückbeförderte, auf den Tisch legte, da wurde die junge Dame hinter der Theke des Reisebüros, zumal das Flugticket cash und in nigerianischen Naira bezahlt wurde, erst mal blass.
Sie war fast unter Schock, sie schaute mich mit weit geöffneten Augen an, und ich war so von ihrer Überraschung amüsiert, dass ich mir nicht verkneifen könnte, ihr noch ein paar solche offenen Tickets zu zeigen, die mich immer „within the mileage“ von Lagos aus via Amsterdam, in alle Himmelrichtungen befördert hätten.
Solche Flugtickets hatte sie noch nie gesehen, auch die anderen Angestellten nicht, wie denn auch, von wem denn?
Nur CIA-Agenten, Freischärler und Söldner konnten an so etwas rankommen, normale Seeleute nicht, sagten alle Dorfdeppen, als sich die Geschichte mit den Flugtickets herumsprach, denn ich war der einzige zwielichtige Mensch in dem Scheißdorf, der für so etwas in Frage kam.
Man munkelte zwar schon seit Langem, dass mit dem Franco etwas nicht ganz astrein sein konnte, dass er doch in dunkle internationale Waffengeschäfte verwickelt sein musste, aber für wen, wenn nicht für die Amis? « dachten die Dämlichen und die Deppen des Dorfes.
Damals, als ich noch bei den Amis in der Nordsee tätig war, fingen die Idioten schon an zu munkeln und dämlich zu labern.
Als ich dann bei derselben Reederei, aber diesmal in der mexikanischen Bucht anfing, wurde das Gelaber noch schlimmer und lachhafter und noch dämlicher als üblich.
»So etwas gibt’s nicht, es kann nicht angehen, dass ein Emigrant bei den US-Amerikanern in den Vereinigten Staaten auf US-amerikanischen Schiffen als leitender Maschinist beschäftig ist.«
Hätte es einen Sinn gehabt, all den Dorfbanausen zu erklären, dass die Schiffe zwar in den VS waren, dass die zwar irgendeiner US-Reederei oder Firma gehörten und dass sie, wie sie da lagen, unter Bahamas Flagge fuhren?
Nein, es hätte keinen Sinn gehabt, denn die hätten es nicht geglaubt.
Die hätten es nicht geglaubt, weil die in ihrer geistigen Kurzsichtigkeit als eingebildete, böswillige, besserwissende und blasierte Arschlöcher es nicht glauben wollten, so einfach war das.
Hinzu kam, dass mich mein Personalchef an einem Morgen, als ich bei meinen Eltern zu Besuch war, kurz bevor ich zum zweiten Mal nach Komárno fahren sollte, anrief und mich bat, für ein paar Tage schnell nach Miami in Florida rüber zu flattern.
Dort als Chief auf einem unserer Schiffe war ein junger Mann tätig, man hatte in Ostfriesland aber nicht gemerkt, dass sein Patent kein Jahr alt war, also nicht voll ausgefahren; die US-Hafenbehörden aber schon und hatte infolgedessen das Schiff kurzerhand festgehalten.
Es war 9 Uhr morgens, als er anrief und um halb zwölf ging an dem Tag mein Flug von Venedig nach Amsterdam, von wo aus ich nach Miami hätte weiterfliegen sollen.
Das Kuhdorf, das kein Dorf mehr ist, sondern eine Stadt und keine Dorfkirche, sondern eine Kathedrale vorweisen kann, hatte kein Taxi und das war Scheiße.
Beziehungsweise ein einziges Taxi kann die Stadt Codroipo schon vorweisen, dem Fahrer war aber die schnelle Fahrt nach Venedig so früh am Tag zu lang, und er lehnte es gerade deswegen ab, mich dorthin zu fahren.
Die blöde Kuh, die meine Schwägerin ist, erklärte vorweg, dass sie keine Zeit hätte, mich zum Flughafen zu fahren. Umsonst hätte sie es nicht tun müssen, denn ich hätte ihr die Fahrt bezahlt wie einem Taxi, denn es war ja Reederei Arbeit, aber so ist es nun mal im Leben: Ein Mann kann sich seine Freunde aussuchen, seine Verwandten aber nicht; so stand ich da mit meinem Talent, in einem Dorf, das zur Stadt samt Kathedrale hochstilisiert wurde, und ich kam nicht weg, weil die Stadt nur ein einziges Taxi vorweisen konnte, das angeblich so viel und so gut verdiente, dass er sogar eine gute Taxifahrt von 120 km abschlagen konnte.
Die Zeit rannte mir davon, und keiner wollte mich nach Venedig zum Flugplatz fahren. Zuge fuhren um die Zeit auch nicht, denn nur regionale Züge halten in der Stadt Codroipo an, aber nicht um die Zeit, wer will schon aus einer modernen Stadt um 9 Uhr morgens wegfahren?
Zum Glück kannte ich einen Mann, der manchmal Taxifahrer spielte, und den rief ich an, er erklärte sich bereit, mich nach Venedig zu fahren und kam auch sofort zu mir nach Hause, und wir fuhren gleich los.
Eine Woche später, nachdem die Fahrtzeit des Kollegen ausgefahren war und sein Patent somit gültig wurde, war ich wieder im Dorf.
»So was gibt es gar nicht, ist doch sonnenklar, dass er ein CIA-Agent ist! Den haben sie heimgerufen, um ihm neue Einweisungen für Jugoslawien zu geben; von wegen hier auszufahrende Patente und solche Scherze, wir sind doch nicht blöd«, blökten all die neuerkorenen Städter im Chor.

Gerade wegen des blöden Gelabers der Helden des Dorfes und nur deswegen wurden die anständigen Frauen und christlichen Mütter der Stadt auf mich aufmerksam; die sahen in mir etwas Übersinnliches, etwas Sublimes, etwas exquisit Raues, süß und derb, bestialisch wild, zügellos wüst, abenteuerlich hemmungslos, in der Tat sie fanden mich, meiner Bierwampe und Glatze zum Trotz, unheimlich sexy, Begehrens- und Bumswert zugleich.
Scheiße!
Meine Fresse, Kinder, gerade dank der böswilligen Dämlichkeit der Neustädter hätte ich schon mit der Hälfte der Damen der Stadt bumsen können.
Aber wie in Teufelsnamen soll ein anständig versauter Seemann, wie ich es nun mal bin, anständige Damen bumsen, deren Herren Ehemänner den Autostrich der Nutten aus Albanien und Jugoslawien, oder, je nach sozialem Status, den etwas billigeren Strich der Viados und Zwitter aus Brasilien hinter den Böschungen längs den Tagliamento Fluss zu besuchen pflegen?
Daher bumst ein Seemann nicht die Ehefrauen von Männern, die auf den Billigstrich der Nutten aus Albanien und Jugoslawien oder zu den brasilianischen Tunten gehen, der will sich doch nicht an Ehefrauen, deren Männer fremdgehen, die Pest an den Hals holen, oder?
Das Tollste an dieser ganzen Geschichte über meine CIA- oder Söldner- oder weiß der Kuckuck, was für eine Tätigkeit mir die Makaken des Dorfes je nach Laune oder Tocai Pegel im Blut mir andichteten, bekam ich einmal mehr mit, als ich den Zug nach Udine nahm, um von dort wieder über Wien nach Komárno auf die Werft zu fahren.
Mitunter war am Bahnhof ein Oberfeldwebel der Carabinieri, ein Maresciallo, also, mit einigen seiner Untergebenen in Kampfuniform und Stahlhelm auf dem Kopf.
»Da ist er, Signor Maresciallo, der fährt bestimmt nach Jugoslawien zurück«, bemerkte einer der Feldjäger, als er mich sah.
»Warum verhaften Sie ihn nicht?«, fragte erstaunt ein anderer von den Helden.
»Es gibt keinen Haftbefehl gegen ihn, sobald es einen geben wird, werde ich es tun«, antwortete der Maresciallo leise.
Meine Augen sind etwas schwach geworden, darum trage ich seit einigen Jahren eine Brille, meine Wampe ist gar nicht mal so schlecht geformt, und meine Knabberleiste, die wackelt ein bisschen, mein Gehör aber ist in bestem Zustand, ich sagte jedoch nichts dazu.
In vorbei gehen grüßte ich sie brav und artig, ich grinste denen ins Gesicht und zog weiter, ich fuhr zurück zu meinem Schiff nach Komárno in die Slowakei, und die Welt war für mich wieder in Ordnung.

Non ti curar di loro ma guarda e passa.
Dante. Inferno.

Samstag, 1. August 2009

QUADRUVIUM Due

Aus MSKP N° 5 "DIE WERFT"

…..Folglich erfuhr ich, als ich dann zwei Monate später übers Wochenende nach Hause auf Besuch kam, dass das Monument schon gebaut und eingeweiht worden war.
Der Depp hatte sich in seiner Wahnvorstellung von Monumenten und Emigrantenschicksal eine mannsgroße Bronzestatue ausgedacht, die am Bahnhof, als Wendepunkt vieler friaulischer Emigrantenleben und Schicksale in der Welt, anzusehen war.
Wobei am Fuß der Statue ein einfacher Koffer, der mit einem Strick zusammengehalten sein sollte, nicht fehlen durfte.
Das alles aus Bronze, versteht sich.
Die mannsgroße Bronzestatue sollte nach Norden mit einem Arm weisend in alle Ewigkeiten die zukünftigen Generationen an das harte Los ihrer Vorväter erinnern, die in der Dunkelheit der Fremde ziehen mussten, um denen, die daheim geblieben waren, eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
What the fuck!
Meine Fresse, da war wirklich was los gewesen, es wurde, wie man mir sagte, verbissen darüber diskutiert, in jeder Osteria, in jeder Bar, überall sprach man nur noch von dem Monument an die Emigranten.
Jeder Arsch im Dorf sprach darüber, nur die Emigranten nicht, denn die fanden das Ganze einfach lächerlich.
Man ließ es auch sein, uns danach zu fragen, denn mehr als einer dieser Pro-Monumentum-Deppen wusste allzu genau, dass der eine oder der andere einen Tritt in den Hintern oder ein schnelles Eintauchen in den Bach, der durch das Dorf schlingerte, um ihre Ideen zu erfrischen, insbesondere von mir persönlich, riskiert hätte.
Nichtsdestotrotz wurde das Monument letztendlich doch gebaut, aber nicht eine mannsgroße Bronzestatue mit dem Kartonkoffer, der mit Schnur zusammengehalten war und brav bei Fuß und dem weisenden Weg nach Norden zeigend, so wie der eine Depp es sich in seinen Wahnvorstellungen erträumt hatte. Nein, das nicht, das konnte sich nämlich die Pleite gegangene Kommune überhaupt gar nicht leisten. Der Pleitegeier war da auf dem Dach des Rathauses, das Geld war alle, kein Geld, keine Statue, so einfach war das und so begab man sich, in den leeren Gemeindekassen auf die Suche nach Geld.
Am Ende des mühseligen Ergründens fand man doch ein bisschen Geld, nicht viel, aber genug, um davon einen ein Meter hohen Granitblock zu ergattern und diesen von erhabener akademischer Bildhauerhand mit ein paar akademischen Hammerschlägen veredeln zu lassen.
Nicht am Bahnhof, nein, denn allen Edelgedanken des Oberdorftrottels dem harten Emigrantenlos zum Trotz konnte das Monument nicht am Bahnhof gebaut werden, denn sonst wären dort die Parkplätze für die Anlieger noch spärlicher geworden.
Bei der alten Grundschule im Vorgarten, unter den Bäumen, dort wo die Vöglein zwitschern und Generationen von zukünftigen Emigranten als ABC-Schützen so wie ich, Lesen und Schreiben lernten, dort fand der von akademischer Hand mit ein paar Hammerschlägen somit Geadelte und auf so nobles Gedankengut designierte Granitklotz seinen von Gott und den Deppen des Dorfes rechtmäßigen vorbestimmten Platz.
Die hatten es tatsächlich getan, diese Vollidioten, bei der monumentalen historischen Monumenteneinweihung sollen sogar ein paar Dussel aus der regionalen Verwaltung aus Udine und, so meinten später böse Zungen, allesamt dicke und fette Freunden des Architekten gewesen sein.
Schulkinder, urbane Ordnungshüter, einige, die noch alle Tassen im Schrank hatten aus Neugier, der Rest der festlichen Menge, die Schwachköpfe des Dorfes eben als solche, nämlich als amtlich anerkannte Dorfdeppen, als stolze Vollidioten.
Die Dorffanfare, sagte man mir, die war nicht dabei, nein, die konnte nicht dabei sein, weil es seit einigen Jahren schon gar keine Dorffanfare mehr gab, und für ein Stadtorchester hatte man kein Geld.
Außerdem waren all die Musikinstrumenten, wie man so hörte, schon vor langer Zeit an besser stehende Kommunen der Umgebung verkauft worden, um an Bargeld ranzukommen.
Für das Monument musste auch einen Baum Federn lassen, der Baum war mindestens 90 Jahre alt, und ein unterirdisches Telefon- oder Stromkabel musste auch deswegen umquartiert werden.
Der Preis? 60.000 DM, so viel Geld schien noch da gewesen zu sein.
Wer sucht, der findet, so sagt man doch, oder?
Es muss so sein, denn die Archäologen des Geldes im Rathaus mussten bei ihrer akribischen Geldsuche so erfolgreich gewesen sein, dass die noch mehr Geld gefunden haben müssen.
Anders kann es nicht sein, denn sonst kann ich mir nicht vorstellen, woher das Geld kam, das die Kommune ausgab, um die Piazza Garibaldi mit teurem Granitkopfsteinpflaster zu bepflastern, vorher aber musste der zwar ausbesserungsbedürftige, aber keineswegs marode Asphalt ausgetragen werden und das muss, vor allem in der Entsorgung, sehr teuer gewesen sein.
Das muss teuer gewesen sein, weil kurz darauf, wie meine Freunde mir später berichteten, der kommunale Zirkus seinen totalen endgültigen Bankrott erklärte, und der Bürgermeister trat zurück.
Die täglichen administrativen Dienste an die Bevölkerung, dem aufrichtigen Pflichtbewusstsein der kommunalen Angestellten sei Dank, gingen aber reibungslos weiter.
Die Bürgerschaftsmitglieder, ein bunter zusammengeworfener Haufen Gehirnamputierter aus 1000 und einer Partei, diskutierten wie konspirative Anarchisten fortan tagtäglich bis tief in die Nacht über eventuelle Notmaßnahmen.
Über alle möglichen und unmöglichen bequemen Zeitallianzen, um sich die Behaglichkeiten einer weiteren Mitgliedschaft in der Bürgerschaft zu sichern, kämpften die mitein- und gegeneinander, fast bis aufs Messer.
Um ihren schamlosen verantwortungslosen Umgang mit öffentlichen Geldern weiter treiben zu können, tagten die, bis ihre leeren Köpfe qualmten.
Es nützte Gott sei es gedankt alles nichts, denn es war schon seit langem zu spät, der Pleitegeier hatte seiner Bankrotteier gelegt und ließ sich nicht mehr wegscheuchen und außerdem, war die kommunale Kasse so oder so leer.
Wo kein Geld zu verwalten ist also, kann auch, weil es nichts zu verwalten gibt, nicht verwaltet werden, daher braucht man auch keine Verwaltung mehr.
Als die per Verfassung festgelegte Frist, um einen neuen Mann zu finden, der verwalten sollte, was nicht mehr in der kommunalen Kasse zu finden war, nämlich Penunzen, verstrichen war, löste sich die Bande der Geldanarchisten auf, und aus Rom kam ein Kommissariatsverwalter.
Man weiß bis heute nicht so genau, was der höher Verwalter aus Rom in Codroipo bei Udine verwalten sollte, er war aber nun mal da, und etwas verwalten musste ja der Onkel, sonst wäre er doch kein Verwalter gewesen, nicht wahr?
Er kam also, er sah sich um und fing an zu verwalten.
Als erstes Opfer der verwaltenden Sparmaßnahme des hohen Verwalters bewies der hohe Verwalter aus Rom kühne Intelligenz und eiskalten Verstand, um wenigstens ein paar nicht existierende Lire retten zu können
Anstatt den Emigrantengranitklotz an den nächstbesten bietenden Steinmetz zu verkaufen und somit wenigsten etwas Bares für die leeren Kassen des Dorfes zu ergattern, fiel der Zuschuss der Kommune für das jährliche Schutzpatronfest des Dorfes unter seinem roten Filzstift als Erstes weg.
So, das war seine erste Amtshandlung.
Kraft seines Amtes machten seine drakonischen Sparmaßnahmen noch nicht mal vor unserem Heiligen Simon halt.
Seitdem tanzte der Heilige alte Simon an seinem Namenstag nur noch im Regen. Er war sowieso ziemlich verwirrt über die Tatsache, dass man ihm damals ein kleines Bauerdorf anvertraut hatte und er nun auf eine Stadt voll von Dorftrotteln bei gleich bleibendem jährlichen Tribut aufzupassen hatte und deswegen ziemlich sauer auf seinen Boss sein musste.
Seine Schützlinge hatten kein bajuwarisches Bier und kein Tanzzelt mehr und keiner von denen, gerade weil Bankrotteure kein Wortrecht haben, muckste auf.

In diesem Scheißdorf, das kein Dorf mehr ist, wird auch immer seltener geheiratet, dem ungeachtet, oder gerade deswegen, ist das Dorf in meinen Augen das größte Puff in ganz Friaul geworden.
In Puff- und in Nuttenbeurteilung bin ich als Seemann Weltmeister, daher weiß ich, wovon ich rede, denn ich erkenne eine Nutte, sobald ich eine sehe.
Ich rieche einen Puff meilenweit gegen den Wind, und sobald ich in der Nähe bin, weiß ich, mit was für einem Puff ich es zu tun habe, und Codroipo in Friaul ist ein Scheißpuff.

In meiner Jungendzeit hier im Dorf war ein Mann ein Mann.
Arschlecker und Arschkriecher gab es damals auch, aber nicht so viele. Faule Säcke gab es damals auch, aber nur ein paar, wirklich nur ein paar.
Heutzutage ist das ganze verdammte Dorf eine riesengroße Kloake aus zynischen persönlichen Interessen, aus geistiger Prostitution, aus Servilismus und aasigen Lakaien geworden.
In dieser Gegend, während es viele Männer hinzieht zu den albanischen oder brasilianischen Nutten und Zwitterbanden, die ihre Geschäftsstellen längst des Tagliamento-Flusses hinter den Büschen im Flussbett oder am Straßenrand aufgemacht haben, während manch andere zu den besseren Puffs in Jugoslawien fahren und sich die Pest am Arsch holen und viele Weiber im Dorf sich anderswie helfen, wächst im Dorf eine ratlose Jugend heran, die sich nur an den Beispielen, die sie vor Augen hat, orientieren kann und das wiederum, verspricht nichts Gutes.
Wahrheitsgemäß muss man aber auch sagen, dass sich seit einiger Zeit, so wie man hört, einigen Jugendgruppen zusammengetan haben, um die alten Traditionen des Dorfes wieder aufleben zu lassen und es sieht so aus, dass der Pleitegeier auf dem Rathausdach seine Koffer zu packen gedenkt.
Time will tell.

Mit meinem Dorf, das nur noch dienstags wieder zu erscheinen vermochte, war ich aber trotzdem innerlich fertig.
Aus meinen Jugendfreunden war ein Haufen resignierter alter Säcke oder geldgieriger Kleinkramhändler geworden.
Die paar Tage, die ich noch im Dorf blieb, verbrachte ich fast nur noch zu Hause und ließ alle links liegen.
Mit der Runde der Tocai Freunde traf ich mich auch nur noch ein- oder zweimal, mehr nicht, denn letztendlich waren wir zu verschieden, zu anders geworden, zu weit voneinander entfernt, uns verband die Erinnerung an das verschwundene Dorf, mehr nicht.
Von all den anderen blieb ich fern, denn hier so wie in Bremen bekomme ich in Gesellschaft solcher Bazillen immer die Krätze und das mag ich nicht.

Der Köchin in Komárno hatte ich Gemüsesamen und Gewürze aus dem Friaul versprochen, die besorgte ich mir an dem Dienstag vor meiner Abreise auf dem wöchentlichen Freimarkt und ein paar Tüten mit Blumensamen nahm ich ihr auch mit.
Am Tag vor meiner Abfahrt traf ich auf dem Markt auch ein paar alte Bauern von damals, die ich schon lange tot geglaubt hatte.
Es war mir eine wahre Freude, diese alten Menschen mit dem markanten, wie aus Granitfelsen gemeißelten Gesicht und dem festen wohlmeinenden Händedruck, wie ihn damals die Menschen hatten, zu einem Glas Tocai einzuladen und als sie dann langsam nach Hause gingen, kam es mir so vor, dass mit denen gemeinsam auch das Dorf wieder verschwand.
Zu Hause war alles bestens, meine Eltern genossen immer noch beste Gesundheit, den paar Leuten, die mir im Dorf noch etwas bedeuteten, ging es auch nicht schlecht.
Hoch lebe das Dorf also.
Frühmorgens am nächsten Tag am Bahnhof, zwischen all den Studenten, die nach Udine zu Schule fuhren, saß ich alter Sack mit meiner Reisetasche in der Hand, mit den Gewürzen, den Blumen und Gemüsesamen für die Köchin, dem Grappa-Schnaps für den morgendlichen Kaffee bei mir im Büro mit Jan, mit dem Käse und der Salami, den warmen Wollsocken und dem Pullover, den Mutter mir vorsorglich eingepackt hatte, als der Zug ankam, da hätte ich fast lauthals lachen müssen.
Da kam ich mir wirklich wie ein alter Emigrant vor, der schweren Herzens zu dem kalten und fremden Norden zieht, um für sich und seine Familie eine bessere Zukunft zu gestalten.
Da grinste ich aber nur und im Stillen wünschte ich den großkotzigen Schweinehunden, die das Dorf zerstört hatten, den Dünnschiss an den Hals.
Als der Zug sich in Bewegung setzte, wurde ich auf einmal fast schlagartig in Gedanken wieder auf die Werft bei meinem Schiff an Bord katapultiert.
Das Dorf, das kein Dorf mehr sein konnte, weil es auf dem Papier eine Stadt geworden war und keine Dorfkirche, sondern auf einmal eine Kathedrale vorweisen konnte, verschwand langsam hinter mir in die Ferne.
Es würde fortan nur noch in meinen Erinnerungen gegenwärtig bleiben, denn ich war damit endgültig innerlich fertig, ich hatte mich davon nach so vielen Jahren endlich voll abnabeln können, das Dorf und meine Heimat würden fortan nur noch in meinen Erinnerungen weiter leben, wo es keinen Platz für Volkszuhälter, Kleinkramhändler und Dorfdeppen gab, und das war‘s eben.

Montag, 6. Juli 2009

QUADRUVIUM

Aus MSKP N° 5 „DIE WERFT“

… An dem Tag ließ ich mich frühmorgens von meinem Taxifahrer von der Werft nach Wien kutschieren, von dort aus fuhr ich mit dem Zug nach Venedig, spät am Nachmittag dann war ich bei meinen Eltern in Codroipo bei Udine, daheim.
Frau General fing sofort nach meiner Ankunft an, die Begrüßungszeremonie wie einen Gebetkranz durchzusprechen.
„Du sollst nicht trinken!“
„Fluchen sollst Du auch nicht.“
„Mittags um 12 wird gegessen.“
„Abends um 19 Uhr gibt es Abendbrot.“
„Hast Du dreckige Wäsche mitgebracht?“
„Nein, Mutter.“
„Warum nicht, wie machst Du denn das?“
„Wir haben dort eine Waschmaschine, Mutter.“
„Geh morgen zu Frisör.“
„Mach ich, Mutter.“
„Mutter, ich hab Hunger.“
„Nudeln, wie immer.“
„Ja, bitte.“
„Du und deine Spaghetti! Soll ich dir auch ein Kotelett machen?“
„Nein, danke, die Spagetti werden mir reichen.“
Damit war der Begrüßungsritus zwischen mir und meiner Mutter beendet.
Mit Vater war es einfacher.
Er würde ein knappes „Alles klar, Junge?“ von sich hören lassen, ich würde mit einem „Ja, Vater, alles bestens“ antworten, und die Begrüßungszeremonie zwischen mir und meinen Eltern war gelaufen.
Nach dem Abendbrot würde sie beide die Wettervorhersage im Fernsehen ansehen, danach die Nachrichten und der Tag war für die beiden praktisch somit zu Ende.
Mutter würde sich danach in die Küche setzen und irgendetwas lesen, Vater würde Besitz von der Fernbedienung des Flimmerkastens nehmen und im Fünf-Sekunden-Takt von Kanal zu Kanal springen. Erst nach dem abendlichen TV-Marathon durch alle Kanäle und erst recht nach dem allabendlichen Satz „Nur Schrott, es gibt nur noch Schrott im Fernsehen“ setzte er sich zu Mutter an den Tisch.
Mutter würde dann Tee zubereiten, und das allabendliche Ritual konnte beginnen.
Zuerst würde das Wetter des Tages durchgesprochen werden, danach das des ankommenden Tages, wobei je nach Jahreszeit auch die Möglichkeit einer Fahrradtour durch die Botanik der Umgebung für den nächsten Tag in Erwägung gezogen würde, etwas später je nach Lust und Laune würden die beiden Karten spielen oder bis es Zeit war schlafen zu gehen, einfach da sitzen und leise über irgendetwas reden.
Es war jeden Abend so, und mir tat es gut, den beiden Achtzigjährigen zuzuhören, einfach da zu sitzen und nichts sagen, einfach nur zuzuhören.
Das waren wertvolle Momente, denn es war mir vollkommen klar, dass der Tag nicht mehr fern sein könnte, an dem ich eines Tages zu Hause anrufen würde und einer von den beiden - oder beide - nicht mehr da sein würden.
So kam es auch, Vater starb ein Jahr später, ich erfuhr es aber erst einige Wochen danach.
Zu jener Zeit war ich auf der Donau unterwegs nach Konstanz mit dem letzten Schiff der Weserklasse, das gebaut wurde.
Nun sitzt Mutter immer noch abends in der Küche, liest ihre Kirchenzeitschrift und wartet darauf, eines Tages wieder bei ihm zu sein.
Das Dorf, das kein Dorf mehr war, sondern auf dem Papier eine Stadt geworden war, gefiel mir seit langem schon nicht mehr.
Mich kotzte die überhebliche Art und Weise an, wie sich die Menschen neuerdings benahmen, denn der Satz, der besagt, dass wenn es dem Esel zu gut geht, der sich aufs Eis begibt, schien hier bei vielen der Dorfbewohner seine endgültige Bestätigung gefunden zu haben.
Mehr als Überheblichkeit, beim genauen Hinschauen dämmerte es mir langsam, dass sich hier eine gewaltige Portion Misstrauen unter den Einwohnern eingenistet hatte.
Kein Schwein schien dem anderen zu trauen und die meistens von denen, auch die, die sich schon seit einigen Ewigkeiten kannten und zusammen aufgewachsen waren, betrachteten sich fast mit Argwohn und trauten sich gegenseitig nicht mehr über den Weg.
In meiner sehr empfindlichen Nase stank das Ganze nach neureicher Kacke, nach verschimmelten Gehirnmassen, nach allem, was Menschen zu Leisetretern und Intriganten macht, bloß nicht mehr nach dem aufrichtigen Bauerdorf, das ich, seit meine Kindheit kannte.
Nicht nur die Zeiten, auch die Menschen hatten sich verändert, negativ verändert, und der freundliche ehrliche Umgang untereinander war aus dem Dorf verschwunden.
Mir schien sogar, dass das Dorf selber verschwunden war.
Es lag Eifersucht in der Luft, die Leute an den Theken der 25 oder 26 Osterias, Pizzerias und Bars, die das Dorf aufweisen konnte, waren misstrauisch geworden.
Sogar der Umgang zwischen alten Bekannten und Schulfreunden war distanziert und für mich als „Fremder“ fast unzugänglich geworden und nur auf ein paar nichtssagende Belanglosigkeiten beschränkt.
Es gab für mich nur noch eine kleine Handvoll Männer, mit denen es sich noch zu reden lohnte, es waren aber nur ein paar, es waren ehemalige Schulfreunde von mir und einige Hinzugereiste, allesamt dem Weißwein und dem fetten Essen wegen Leberzirrhose- oder Herzinfarktkandidaten und Frühtodanwärter.
Mit denen kam ich gut klar, auf unseren Mittagstouren durch die Osterias tranken wir gerne ein paar Schoppen Tocai zusammen.
Das Problem war, dass es zu viele Osterias gab und alle hatten gute Weine vorzuweisen und wir alle wussten das ohne Weiteres zu würdigen.
Gegen 14 Uhr dann war meistens Schluss mit lustig, denn wir alle hatten das Mittagessen verpasst und jeder in Form von nörgelten Ehefrauen oder Müttern hatte da nun ein Problem.
Dies aber konnte uns natürlich nicht am Tag danach abhalten, das gesamte Prozedere wie am Tag zuvor wieder zu inszenieren.
Wir waren Dorfgespräch, die Bigotten und Besserwisser des Dorfes mieden uns, ihre großmütige Einbildungskraft verbat denen, sich mit uns zu unterhalten.
Wir waren die Außenseiter des Dorfes und ihrer nicht würdig.
Normalerweise für mich war ab 14 Uhr meistens Feierabend, denn für den Rest des Tages blieb ich zu Hause, selten, sehr selten war ich in all den Zeiten, in denen ich im Dorf war, abends ausgegangen, und wenn meistens im Sommer, um Eis für mich und meine Eltern zu besorgen. Ansonsten war für mich tagtäglich kurz nach dem Mittag immer Sabbat und ich blieb zu Hause.
Die Dienstage waren meine Lieblingstage im Dorf, immer wenn ich konnte, hatte ich meine Abreise nie an einem Dienstag angetreten, denn dienstags war Freimarkttag und an dem Tag erschien das verschwundene Dorf, das ich so sehr vermisste, immer wieder aufs Neue.
Damals als ich noch ein Kind war, gab es auch einen Tiermarkt, da gab es Kühe und Pferde, Esel und Maulesel und jede Menge Federviecher.
Nach dem Krieg bis weit in die fünfziger Jahre war der Tiermarkt sehr bekannt und gut besucht, so gut, dass das Dorf sogar als das Eseldorf in der gesamten Region bekannt wurde.
Aus der Umgebung kamen Bäuerinnen und boten ihren Überschuss an Frischgemüse an, mit dem verdienten Geld kauften sie dann Klamotten für ihre Kinder oder Stoff, aus dem sie Kleider nähten, und alle waren fröhlicher, ehrlicher und ausgelassener im Umgang miteinander.
Zu Mittag dann trafen sich die Erwachsenen in den Osterias zum Mittagessen, da gab es Hühnersuppe oder Trippa, deftige gesunde friaulische Hausmannskost und hausgemachten Wein mit frisch gebackenem Brot mit Käse oder Salami, wobei auch das Stockfischgulasch mit Polenta nicht fehlen durfte.
Das war gutes einfaches gesundes Essen, das kein Sodbrennen oder eine Leberzirrhose mit sich brachte, am allerschlimmsten einen Herzinfarkt oder ein Hirnschlag, des fetten Essens wegen, sonst nichts.
Na ja, Leberzirrhosen und hohe Cholesterinwerte gab es damals auch, man kannte aber diese modernen Begriffe nicht, die Menschen damals waren aber viel, viel gesünder als die heutigen hochempfindlichen Mimosen.
Heute isst man Industriekost und trinkt Industriewein dazu. Fast jeder hat Sodbrennen oder ne Leberzirrhose oder sonst noch was am Hals und zu hohe Cholesterinwerte mit drohendem Herzinfarkt oder Gehirnschlag als Beilage am Arsch.
Der Tiermarkt ist seit langem schon abgeschafft worden, nur der Rest des Marktes mit seinen fliegenden Händlern war geblieben.
An jedem Dienstag verwandelt sich das Dorf vom Bahnhof bis zum Kindergarten (und das sind gut und gern um die 1000 Meter) in einen ausgedehnten Supermarkt, wo alles zu kaufen gibt.
Da gibt‘s einfach alles: vom „frischen“ Rotbarschfisch aus Island am Fischstand am Bahnhof bis zum Käse aus Holland an den Käsestanden bei dem Kindergarten.
Dazwischen wühlen sich die Menschen hindurch, und das verschwundene Dorf lebt dann wieder auf.
Fast jeder kauft etwas und jeder kennt auf einmal wieder jeden, vieles ist billiger als anderswo und besonders die Hausfrauen aus den umliegenden Dörfern erledigen dort ihre Wochengroßeinkäufe.
Die Kneipen sind dann brechendvoll, und alle lachen und freuen sich des Lebens, gegen 14 Uhr dann ist wie auf Kommando alles vorbei, die Menschen verschwinden aus der Piazza und aus den Kneipen und nur die üblichen bleiben über.
Die Straßenfeger fangen dann mit der Arbeit an, und es kommt mir immer wieder so vor, dass sie mit jedem Besenschlag die fröhliche Zugehörigkeit, das freundliche Zusammensein, das die Menschen in der Vormittagszeit zusammen geschmiedet hatte, wegfegen würden und das Dorf wieder verschwinden ließen.
Nach dem fegen blieb dann, das kleinkarierte zynische armselige Etwas, zurück, das niemals mein Dorf war, das nun auf dem Papier eine Stadt geworden ist, sogar die Dorfkirche ist keine Kirche mehr, denn Kirchen, die gibt es nur in Bauerdörfern, in einer Stadt gibt es Kathedralen.
Das hatten die nämlich auch gemacht, auch die Kirche wurde emanzipiert und ganz auf die Schnelle kurzerhand zur Kathedrale hochgekürt.
Beim näheren Betrachten der Straßenfeger wurde mir niemals klar, wer da wen führte - war es der Straßenfeger, der den Besen hielt und das Sagen hatte, oder war es doch der Besen, der den Straßenfeger aufrecht hielt und gleichzeitig die Straße vom Bahnhof bis zum Kindergarten - die Piazza Garibaldi inbegriffen, von all dem guten alten Traditionen und Folklore leer fegte?
Who cares?
Am Ende, bis zum nächsten Dienstag, blieb nur noch das lethargische bissige Dorf übrig, nur das Dorf, das kein Dorf mehr ist, sondern auf dem Papier eine Stadt geworden war, und die Menschen auf den Straßen grüßten sich und kannten fast nicht mehr.
Nur wir, die Mittagsbande des Tocai oder des Merlot mit Salami und Grana-Padano-Käse oder fingerdicke Mortadellascheiben auf Tomatensoße als bescheidene Beilage, hielten von da an die Stellung und schienen bis zum nächsten Dienstagmorgen die einzigen Lebendigen in einem Haufen von Stadtzombies zu sein.
Auch diesmal hatte sich im Dorf nichts wesentlich verändert, alles war wie die sechs Monate davor geblieben und wie in den anderen sechs Monaten noch davor und wie in all den anderen Jahren noch davor, alles war das Gleiche geblieben.
Es gab ja hier und dort ein paar Veränderungen, die waren aber alle negativ und haarsträubend.
Die Rentnerzahl, besonders die Rentnerzahl aus dem Frührentnerkreis der staatlichen Angestellten, war schamlos gestiegen.
Schamlos, weil viele der ehemaligen Staatsdiener, wenn auch in Rente, aufgrund ihrer Seilschaften gut bezahlte Stellen nahmen und viele junge Leute, die mehrere und bessere Qualifikationen vorweisen konnten, einfach an die Wand drückten und arbeitslos machten.
Eine Unterwäschefabrik war Pleite gegangen, die Belegschaft, meistens Frauen, hatte seit Monaten kein Geld mehr gesehen und auch auf dem Dach des Rathauses hatte der Pleitegeier seit Jahren schon sein ständiges Domizil gefunden, der großen Arbeitslosigkeit wegen, aber auch, weil fast kein Schwein mehr, geholfen so wie man so hörte, von willigen ehemaligen Staatsdienern seine rechtmäßigen Steuern zahlte.
Das Dorf, das kein Dorf mehr ist, sonder auf dem Papier eine Stadt geworden war, lebte fast nur noch vom Kleinhandel, von handwerklichen Betrieben aller Art, aber meistens auf Pump und gerade in dieser Hinsicht schienen die alle Weltmeister zu sein.
Manche mittelständischen Betriebe wurden seiner Zeit subventioniert und alle machten kurz darauf Pleite, als die Subventionen aufgebracht worden waren.
Was zurück blieb, waren noch mehr Arbeitslose und leere, nach dem letzten Schrei der modernen architektonischen Baukunst gebaute Schuppen, kommunale und regionale Kassen, immer fetter werdende Lokalpolitiker und Schlawiner aller Art, und eine immer größer werdende Arbeitslosenzahl.
Deppen gibt es nicht nur in Bremen, nein, Deppen in Hülle und Fülle gibt es auch in Ostfriesland, die ganze Welt ist voll von Deppen.
Die werden sogar immer mehr, immer frecher, immer unverschämter, immer impertinenter und größenwahnsinniger.
Folglich gibt es Deppen überall, Deppen gibt es dementsprechend auch in Codroipo bei Udine im Friaul also.
Das Dorf, das kein Dorf mehr ist, sondern auf dem Papier eine Stadt geworden war und keine Kirche mehr, sondern eine stolze Kathedrale, so eine in der Art von einer Mini Westminster aufweisen konnte, war keine Ausnahme, es hatte auch seine Dorfdeppen, und leider, wie sich herausstellte, gar nicht mal so wenige.
Einer dieser Dorftrottel kam eines Tages auf die Idee, dass Codroipo als Stadt eigentlich ein Monument brauchte.
Nennenswerte Helden gab es im Dorf nicht, wie denn auch?
Es gab nur normale Sterbliche, die jeden Tag ihre Heldentaten verbrachten, indem sie ihr Leben zu meistern versuchten.
Sie brauchen aber kein Monument, denn dafür gibt es ja bekanntermaßen Friedhöfe und dort hätten sie alle irgendwann ihre ganz persönlichen Monumente bekommen.
Große Dichter und Denker konnte das Dorf auch nicht aufweisen, keine jedenfalls, die ein Monument verdient hätten und wenn doch, eben dann höchstens auf dem Friedhof.
Das Dorf brauchte aber als neu gekürte Stadt ein Monument, und das war sein Dilemma.
Aber für wen? Wer zum Teufel sollte da mit einem Monument verewigt und veredelt werden?
Da gab es zwar hier und dort einige Gedenktafeln und bei den Nonnen im Kindergarten ein Monument, das an die Toten des Zweiten Weltkriegs erinnerte, aber kein richtiges modernes Monument und das war, dem einen Dorfdeppen folgend, nicht ausreichend und für die neu erkorene Stadt nicht repräsentativ genug.
„Franco, man will dir ein Monument bauen“, so wurde ich eines Tages kurz vor Mittag empfangen, als ich einen der jovialen Kumpanen der Tocai-Runde auf der Straße traf.
Zur Vertiefung und Erläuterung seiner Aussage gingen wir gleich in die nächste Osteria, wo wir noch ein paar Freunde aus der Tocai-Runde trafen, die, bis unsere tägliche Tocai-Frühschoppenschlacht richtig beginnen würde, schon kräftig am Üben waren.
„Man will den Emigranten ein Monument errichten“, erklärte mir mein Freund aus der Tocai-Runde, „und da du ein Emigrant bist, will man dir infolgedessen ein Monument machen“, fügte er noch grinsend hinzu.
Zuerst nippte ich an einem der Weingläser, das man uns, als wir an der Theke standen, vor die Nase gesetzt hatte, und prostete allen zu.
„Ich dachte, dass all die Dorfdeppen gezählt worden waren, habt ihr jemanden vergessen?“, fragte ich in die Runde.
„Das Problem ist, dass jeden Tag neue hinzukommen, wir können fast gar nicht mehr mitzählen und der da, der muss uns entgangen sein.“
„Errare humanum est“, dozierte gleich der Hochschuldozent in Pension los, der ein fester Bestandteil unserer Runde war.
„So was kann passieren, Franco, mach uns bitte keinen Vorwurf deshalb, wir versprechen dir, dass wir in Zukunft besser aufpassen werden. Das Ding mit dem Monument ist aber wahr, man will euch Emigranten als Dank, dass ihr in die Fremde verschwunden seid, ein Monument errichten“, echote ein anderer von achtern.
„Die haben schon in der Bürgerschaft darüber gesprochen“, erklärte ein anderer.
„Da wird nichts draus, so dämlich können die doch nicht sein und außerdem, von wo soll das Geld kommen? So viel mir bekannt ist, ist die Kommune pleite“, sagte ich, und als unsere Gläser leer waren, bestellte ich eine neue Runde.
„Sei da bloß nicht so sicher, Franco, denen ist alles zuzutrauen“, belehrte mich der pensionierte TH-Professor, dessen Abneigung gegenüber allen Politikastern dieser Welt, außer Marx und Lenin, Rosa Luxemburg und Mao, uns allen bestens bekannt war.
Von dem Tag an, wo das Monument zur Sprache kam und auf Wochen hinaus, spaltete das Dorf sich in zwei Hälften.
Auf einer Seite reihten sich hinten dem einen Oberdorftrottel alle seine Gleichgesinnten, und das waren viele.
Auf der anderen Seite waren alle, die noch alle Tassen im Schrank hatten, und die waren leider in einer Stadt von gerade ein paar tausend Menschen zu wenig.
vf

Montag, 1. Juni 2009

DIE SCHULD DER UNSCHULDIGEN

IN DUBIO PRO REO?

Schuldig oder nicht schuldig und wenn schuldig, wie schuldig ist schuldig?
Der Fall der MS Coral Sea, wo in Griechenland bei einer Routinedurchsuchung Drogen an Bord gefunden worden waren und der Kapitän, der Erste Offizier und der Bootsmann des Schiffs verhaftet und erst fast zwei Jahre später aus der Untersuchungshaft entlassen worden waren, zwingt uns über diese Frage nachzudenken und obendrein, darüber zu sprechen.
Gerade in Fällen, bei denen Drogen an Bord im Spiel sind, hat einer es leider immer sehr schwer, seine Unschuld zu beweisen.
Im Grunde genommen man ist an Bord immer der Dumme, daher stellt sich wieder die Frage, wie schuldig eigentlich die Unschuldigen sind.
Der Fall der MS Coral Sea bringt dieses immer wiederkehrende Dilemma der Seefahrt aufs Neue auf die Tagesordnung und alle Propheten der Seefahrt, insbesondere die der Gewerkschaften und die des VDR, stehen Schlange, um ihre Meinung unisono zu verkünden und die lautet: nicht schuldig.
Inwiefern nicht schuldig? Bessere wäre zu sagen: „in dubio pro reo“, denn so lange die Schuld der einen oder der anderen nicht bewiesen worden ist, ist man, wenn auch noch unschuldig, zumindest verdächtig, schuldig zu sein.
Insbesondere dann, wenn Geld, viel bares Geld, im Spiel ist, liegt es nah, jeden der Beteiligten als schuldig zu betrachten und nicht pauschalisierend die ermittelnden Behörden, Drogen- und Zollfahnder zugleich, als irrational und abwegig abzustempeln, oder wie war das noch?
Sind wir denn tatsächlich so weit, dass man nun, nachdem die Gewerkschaften samt der Seemannsmissionen der Welt, es sang- und klanglos zugelassen und tatenlos zugesehen haben, wie die Reedereien die Seefahrt hierzulande ruiniert haben, nun auch noch sang und klanglos wie immer, es einfach zulassen, dass manche Amigos hier zu Lande, nun auch noch die ermittelnden Behörden und internationalen Drogenfahnders, als irrational abstempeln?

Und was war da mit der „Hebel Spirit“, dem Tanker, der irgendwo längs der südkoreanischen Küste von einem Schleppzug gerammt und leckgeschlagen worden war?
Wo war da die Brückenwache an Bord der Tanker, zum Beispiel?
Ein Schiff, wenn am Anker, auch einen großen Tanker, kann man auch, „fast“ wie auf dem Teller drehen, nicht wahr?
Eine Hauptmaschine, wenn sie, wie es sein sollte, ordnungsgemäß und vorschriftsmäßig auf Stand-by gehalten wird, kann in wenigen Sekunden gestartet werden, sodass ein Ausweichmanöver eingeleitet werden kann, oder wie war das noch, verdammt noch mal!

In Fällen wie Drogenschmuggel oder blinden Passagieren an Bord ist es verdammt schwer, die Schuld oder die Unschuld einiger Besatzungsmitglieder festzustellen.
Denn jeder ist käuflich und alle haben, wenn es um Geld geht, eine Schmerzensgrenze, die mit dem nötigen Kleingeld schnell gefunden und quacksalbert werden kann.
Dies gilt sowohl für Kapitäne als auch für seine Offiziere, bis unten, zum allerletzten Tellerwäscher an Bord.
Es ist jedoch tragisch, ansehen zu müssen, wenn Schiffoffiziere von den ermittelnden Behörden, die im Grunde genommen im Rahmen der gesetzlichen festgelegten Normen nur ihre Pflicht ausführen, wie Verbrecher behandelt werden.
Dies zeigt nur, wie gefährdet der Beruf des Seemanns wirklich ist.
Solche Justizexzesse nützen keinem Menschen, weder Justitia noch dem Staat, der sie anwenden muss. In solchen Fällen scheint ein sicherer Hausarrest angemessener zu sein, bis die Frage der direkten Schuld oder Unschuld geklärt worden ist oder das Maß einer eventuellen Schuld festliegt und ein eventuelles Urteil rechtskräftig geworden ist.
Es ist nicht genug, dass die Heuer der betroffenen Seeleute auch während der Untersuchungshaft weiter bezahlt werden, internationale Regelungen müssen her, um solchen Fällen absolute Priorität zu geben damit sie in Zukunft schneller bearbeitet werden können.
Vielleicht wäre ein internationales Seegericht hierfür eine Lösung.
Dies wäre eine der vielen sich hier bietenden Möglichkeiten, den zu See fahrenden Menschen einen besseren juristischen Beistand zu leisten und ihn nicht pauschal zu kriminalisieren.
Die IMO-Mitgliedstaaten, die verschiedenen P&I und VDRs sollten sich endlich auf internationaler Basis einigen um ein pauschales Kriminalisieren der Seeleute sowie die Zerstörung deren Existenzen, zu vermeiden.
Problematisch finde ich auch, wie die Presse hier zu Lande mit der Seefahrt im Allgemeinen zu Werke geht und mit welcher unverfrorenen Sorglosigkeit halbe Wahrheiten Spinartig synthetisiert und verdreht werden.
Die Presse hat in der Tat als Ersatz für berufliche Ethik, die bequeme und massenbewegende, emotive Welle dem blinden Servilismus den anschlägigen Seefahrtschlawinern gegenüber zu reiten gewählt, ohne die Probleme rational und fachmännisch zu betrachten und das ist peinlich, fast unerträglich.
Es ist schwer zu sagen, woher diese Pauschaljustiz und dieser Waschweiberjournalismus den Seeleuten gegenüber kommt, der in der Lage ist, die labilen Gehirne der Masse negativ zu beeinflussen und die kriminelle Machenschaften der Amigos der VDR, zu huldigen und verehelichen.
Man kann auch nicht feststellen, wie gefährlich solche journalistischen Computertastatur-Masturbationen wirklich sind, dessen Wirkung aber, sieht man, an dem erbärmlicher desolaten Zustand der Internationale und insbesonders der Deutsche Seefahrt.
Wahrscheinlich ist es nur die Folge von reiner Ignoranz und beruflicher Zwiespalt und Entfremdung, oder der drang zu Lakaientum der Beteiligten „Newsgauklers“, dass solche blasphemische und unethische benehmen mit sich bringt, schlimm wäre es, wenn das angeboren ist..
Time will Tell.

Die Musik ändert sich auch nicht, wenn wir das Verhalten mancher hochpatentierten „Gondolieri“ bei schwerwiegenden Havarien oder Schiffskatastrophen mit menschlichen Opfern und schwerer Umweltverschmutzung auf See unter die Lupe nehmen.
Schuldig oder nicht schuldig? Und, wenn ja, inwiefern man an Bord für die heutigen katastrophalen Missstände und Miseren der Seefahrt schuldig oder nicht schuldig ist, das ist schwer zu sagen.
In meinen Augen war der Kapitän des MT Exxon Valdez unschuldig, der des MT Prestige oder der des MT Torry Canyons, dagegen nicht.
Schuldig ist der Kapitän, der in fremden Gewässern eine Abkürzung ohne Lotsenbeistand nimmt, wie im Fall der Torry Canyon.
Der schneidige Gondoliere knallte mit der Gurke gegen die sieben Schwestern, wie man die Klamotten, bei Lands End an der westliche Südspitze Englands benennt, und indem er das tat wurde aus der Gurke Kleinholz, der wiederum die nette Gefälligkeit prompt erwidert und in null Komma nichts die erste Umweltkatastrophe in der Geschichte der Tankerfahrt verursachte, zum Beispiel.
Schuldig ist der Kapitän der MT Prestige, der wohl wissend, dass sein Schiff reparaturbedürftig und marode war, trotzdem damit weiter zu See fuhr.
Er führ solange, bis eines Tages bei grellem Sonnenschein und spiegelglatter See schlicht und einfach ein Stück vom Schiff in den Bach fiel, und schon war es wieder mal so weit, die Nordspanische Stränden versanken in Öl und keine füllte sich schuldig.
Sie nannten es, Act of God.
Bessere wäre es, an Act of the Amrican Buro of Shipping, zu nennen.
Schuldig ist der Brummifahrer, der mit seinem Lastwagen losfährt, wohl wissend, dass die Bremsen an seiner Kiste nicht richtig funktionieren oder die Ladung nicht ordnungsgemäß gesichert und gestaut worden ist.

Unschuldig ist der Kapitän, der Exon Valdez der beim Manövrieren aus einer engen Bucht in Alaska, ohne Schlepperbeistand, eben weil aus Kostengründen dort keine Schleppboote Stationiert waren, mit sein Schiff auf Grund lief und eine Umweltkatastrophe vom Zaum brach.

But then again: Warum hat der gute Hochseegondoliere ohne Schlepperbeistand die vollbeladene Exon Valdez in Alaska in kniffligen Gewässern überhaupt bewegt?

Denn so wie der Brummifahrer, der ohne Bremsen, aber wohl wissend der Gefahren und Konsequenzen, trotzdem losdonnert und einen Unfall verursacht, und daher als schuldig in den Knast wandert, hätte es auch der erhabene Gondoliere besser wissen müssen und auf Schleppboote beistand bestehen sollen.
Agieren nach dem Safety-First-Prinzip aber, wenn es dem Reeder oder dem Charterer zu hohe Kosten verursacht, das bedeutet, entlassen zu werden.
Kann aber das Gespenst eine bevorstehende Entlassung, so einen groben Unfug und die dadurch entstandene, noch nie da gewesene Umweltkatastrophe rechtfertigen?

Therefore: Wenn ein Schiffsoffizier an Bord opfer der induzierten fahrlässigen Handlung ist, kann man ihn dann immer noch als unschuldig betrachten, und wenn nein, wie hoch ist die Schuld des Unschuldigen?

Sind Kapitäne schuldig, die, wie im Fall der Kapitän des MS Zim Mexico im Hafen von Mobile in Alabama zum Beispiel, der, um ein Schiff von über einhundert Meter Länge zu wenden und dabei, um Hafenkosten zu sparen, konträr der Lotsenempfehlung, keinen Schlepper zu Hilfe nahm und während des Wendemanövers beim Bugstrahlruderausfall mit dem Bug des Schiffes einen Kran an der Pier umwirft, (ja, so was gibt es auch), der wiederum einen Mann in den Tod mitriss? Oder liegt die Schuld nur in den Händen des Reeders in Hamburg, der de facto zu sparsamem Umgang mit Reederei- und Chartergeldern mahnt? Oder sind sie alle schuldig?

Von kriminellen Handlungen wie Drogen oder Menschenschmuggel abgesehen aber, man darf niemals vergessen, dass technische Havarien auf See, insbesondere die heutigen und gerade in solchem Umfang wie in dieser Zeit, immer ihren Ursprung an Land und niemals auf See haben.
Ein akkurater und gewissenhafter Brummifahrer aber, der während der Fahrt merkt, dass die Bremsen an seinem TIR nicht funktionieren, der parkt irgendwo, der fährt nicht weiter und leitet die nötige Reparaturen ein.
Warum fahren dann Schiffsoffiziere weiter, wenn sie merken, dass ihr Schiff nicht Seetüchtig ist?

Wie schuldig sind die Unschuldigen?